Zum Weitererzählen

und zum Nachdenken

Ana·lo·gie
Substantiv, feminin [die]

das Sichentsprechen, Sich-ähnlich-, Sich-gleich-Sein in bestimmten Verhältnissen, "zwischen den beiden Fällen besteht eine Analogie"

Eine Theatergruppe schreibt Geschichte

Wir stellen uns eine erfolgreiche und beliebte Theatergruppe vor. Sie besteht aus den Schauspielenden auf der Bühne, aus Musikschaffenden, aus Menschen, die sich mit der Beleuchtung, dem Bühnenbild und den Kostümen beschäftigen, Angestellten, die sich um den Verwaltungskram kümmern und den nötigen kaufmännischen Sachverstand mitbringen. Und letztlich natürlich auch dem Leiter der Theatergruppe.

Mit einem fast verrückt anmutenden Konzept reisen sie durch Deutschland, mieten kleine Theater an und führen ihre Stücke auf.

Um Besuchern und Besucherinnen Sitzplätze garantieren zu können, betreiben Sie eine Website mit einem aufwändigen Reservierungssystem. Für den Betrieb und die Weiterentwicklung dieser Webpräsenz geben sie jedes Jahr mehrere zehntausend Euro aus. Und natürlich zahlen sie Gehälter an Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die die Reservierungen verwalten, Zahlungseingänge zuordnen und sich um das Mahnwesen kümmern.

Eine überwältigende Zahl an Besucherinnen und Besuchern nutzen die Möglichkeit der Reservierung, suchen sich die besten Plätze aus und zahlen gerne dafür auch eine Vorverkaufsgebühr (Servicebeitrag). Andere warten bis zum Tag der Veranstaltung und zahlen erst an der Abendkasse denselben Betrag, den Sie bei einer Reservierung gezahlt hätten (natürlich nur wenn noch Plätze frei sind). Mit den verbliebenen noch freien Plätzen vorlieb nehmen zu müssen – diesen Nachteil nehmen sie in Kauf.

Jetzt kommt aber das eigentlich Verrückte. Der Theaterleiter hatte 2009 entschieden, jeden Besucher und jede Besucherin zunächst für eine Pauschale von nur 5 Euro pro Sitzplatz das Theaterstück anschauen zu lassen. Ja, wirklich! Nur 5 Euro, seit Anbeginn ohne jede Erhöhung. Und der Servicebeitrag beim Reservieren wird auch noch voll angerechnet. Das reicht natürlich nicht annähernd aus, um auch nur die Verwaltungskosten der Reservierungen zu finanzieren aber er vertraut auf die Solidarität der Menschen.

Der Theaterleiter kassiert kein Geld für Eintrittskarten und er bedrängt auch niemanden vor oder nach der Veranstaltung. Er wartet einfach Tage, Wochen ja sogar Monate oder Jahre ab, bis ihm Besucher und Besucherinnen für diesen schönen Abend so viel Geld bezahlen, wie es ihnen wert und möglich ist. Manche zahlen gar nichts, einige 18 € andere bis zu 500 €.

Niemand in der Theaterwelt hätte jemals für möglich gehalten, dass er mit diesem solidarischen Konzept finanziell über die Runden kommt. Schließlich sind jeden Monat Steuern, Mieten, Versicherung, Transportkosten, Ausrüstung, Werkzeuge, Materialien und natürlich auch Gehälter zu zahlen. Aber der Theaterleiter glaubte an die Solidarität und die Einsicht seiner Besucher und Besucherinnen. Und er wurde in den vergangen Jahren nur selten enttäuscht.

Ab und an bekommt er eine überraschende E-Mail, in der von ihm noch mehr verlangt wird, als er für seine Zuschauerinnen und Zuschauer sowieso schon tut. Dann ist er verletzt und frustriert, weil er tatsächlich gerne allen Menschen die Freude am Theater, die er selbst so tief empfindet, völlig kostenlos und ohne jegliches Risiko ermöglichen möchte. Er sieht aber die Rechnungen auf seinem Schreibtisch und weiß, diesen Traum wird er nie verwirklichen können. Gleichzeitig ist er aber stolz, dass er diesem Traum mit seinem einzigartigen und solidarischen Konzept so nahegekommen ist, wie sonst niemand.

Ich bin der Leiter dieser großartigen Theatergruppe.